Mittwoch, 21. April 2010

Meiner lieben Schwester Mira...

... widme ich diesen Beitrag. Der Beschwerde ihrerseits, ihren Besuch in meinem aktuellsten Post nicht erwähnt zu haben, kann nur mit folgender Begründung entgegengetreten werden: der Besuch ist eines eigenen Eintrages wert!!! ;)
Am Abend des 12. Aprils landete meine Schwester, zusammen mit zwei Arbeitskolleginnen, in Göteborg. Es war Miras erster Flug und ich war sehr gespannt, wie sie ihn wohl überstanden hatte. Denn nur wenige Tage zuvor erfuhr sie von einer Freundin, dass diese mit Ryanair vor kurzem beinahe abgestürzt sei. In der Tat nicht gerade die aufmunternste Nachricht, wenn man sich mental auf den ersten Flug seines Lebens vorbereitet.
Als ich, drei Stunden früher als ursprünglich geplant (das ist nochmal ne andere Geschichte *g*), am Nils Ericsson-Terminalen ankam, warteten die drei bereits gutgelaunt in der Sonne. Deutschland hatten sie nämlich bei Regen und kalten Temperaturen verlassen, in Göteborg zeigte sich der Frühling von seiner Schokoladenseite. Wir begrüßten uns und als wir in Richtung Jugendherberge aufbrechen wollten, stellte ich fest, dass ich das vorerst Grundlegendste, das Fahrticket für die drei zu Hause auf meinem Schreibtisch hatte liegen lassen. Nicht sehr günstig. Da die einzige Alternative darin bestand, ein neues Ticket für nicht wenig Geld zu kaufen und neu aufzuladen, fuhr ich nochmal alleine nach Hause und holte das Ticket. Dann konnte es endlich los gehen. Die anderen hatten bereits passende Tram und entsprechende Haltestelle herausgesucht und so starteten wir in Richtung Olivedalsgatan. Von dort aus sollte uns dann Miras Stadtkarte die letzten Meter bis zur gebuchten Unterkunft führen. Aber das war einfacher gesagt als getan, denn Mira, das Orientierungs-Talent, lozte uns erst mal promt in die falsche Richtung. Dies wurde jedoch relativ schnell festgestellt und zehn Minuten später traten wir durch die Türen des Slottsskogen Vandrarhem. Das Zimmer wurde bezogen und da alle regelrecht ausgehungert schienen, machten wir uns auf die Suche nach einem gemütlichen Restaurant. In der Rumpanbar wurde dann der erste Kontakt mit schwedischen Menu-Karten gemacht. Meine erste Feststellung: seit ich in Schweden angekommen bin, war ich noch nie wirklich in einem Restaurant essen. Zweite Feststellung: Mit kulinarischem Wortschatz kann ich nach wie vor nicht prahlen. Trotzdem war unser Essen durchaus lecker und es passierten keine großen Überraschungen. Etwas schwierig wurde es dann nochmal, als es ums Bezahlen ging - zahlt man in Schweden Trinkgeld? Wegen Feststellung zwei konnte ich auf diese Frage nicht antworten und bevor es peinlich werden konnte, rief ich kurzer Hand Matthias an. Dieser meinte, dass in Schweden Trinkgeld bereits in die Preise eingerechnet seien und man deshalb ganz genau das zahlt, was auf dem Zettel steht. Da wir eine Gesamtrechnung bekamen, mussten wir uns selbst ausrechnen, was jeder zu zahlen hatte und sehr komisch war auch, dass der Kellner nicht mit einem Geldbeutel an den Tisch kam, sondern die einzelnen Scheine von uns einsammelte, hinter die Theke lief und einige Zeit später mit dem abgezählten Wechselgeld zurück kam. Nunja. Mit Karte zahlen ist hier halt einfach üblicher. Aber so habe ich immerhin auch wieder was dazugelernt.
Die späten kalten Abendstunden wurden dann noch genutzt, um einmal gemütlich durch die Innenstadt zu schlendern und wir ließen uns zu einem Getränk im Hardrock-Café nieder. Die anderen drei waren jedoch müde und durchgefroren und ich hatte eine Uni-Woche vor mir und so waren wir gegen zwölf Uhr "bereits" wieder "zu Hause".
Ziemlich schade, dass die drei nur unter der Woche und nicht am Wochenende da waren, denn ich hatte, wie eben erwähnt, Uniprogramm auf dem Plan. So sahen wir uns dienstags abends nur ganz kurz und Mittwoch Abend noch einmal auf ein Getränk. Ich hatte im Vorfeld bereits eine Stadtkarte mit, meiner Meinung nach, lohnenswerten Ausflugsorten präpariert und so gestalteten sich die drei volle, abwechslungsreiche Tage. Das Wetter spielte mit, der Frühling wollte garnicht mehr aufhören mit Prahlen. Und so konnten sie die Tage voll und ganz nutzen. Ich denke, sie waren angetan von der Stadt. Ist ja auch wirklich schön, bei tollem Wetter =o) (das an dieser Stelle mal sagen muss).
Donnerstags stand dann nach dem obligatorischen Kakabuffet (Kuchenbuffet) im Café Villekulla bereits die Rückreise an. Ich saß mittags in abgedunkeltem Raum bei einem Radio-Seminar, als mich mehrere SMS erreichten: "bitte ruf uns an, ist dringend". Also rief ich zurück und erfuhr, dass wegen eines Vulkanausbruches in Island der ganze Flugverkehr lahmgelegt wurde und die drei nun am Flughafen festsaßen und nicht wussten, wie und wo hin. Ich begann sofort zu überlegen und zu organisieren, wo die drei evtl. eine weitere Nacht übernachten könnten und las im Internet über die Ausmaße des Vulkanausbruches. Mira rief aber bald ein weiteres Mal an und erzählte, dass sie die Reise per Zug antreten wollen, da ja alle wieder zur Arbeit müssen in kürzester Zeit. Und so begann für sie leider eine anstrengende und teure Rückreise.
An dieser Stelle: Danke dafür, Eyjafjallajökull!!!
Ich habe mich wirklich sehr über euren Besuch gefreut und finde es total schade, dass wir nur so wenig Zeit wirklich miteinander hatten. Trotzdem hoffe ich, dass ihr die Tage genossen habt und vielleicht irgendwann mal wieder in Richtung Norden reist! Schade, dass der Trip so unbequem endete und Mira damit einen zweiten tollen Flug verpasste (mit ununterbrochen aus dem Fenster Schauen und über physikalische Phänomene beim Fliegen philosophieren, während die anderen gelangweilt pennen *g*).
Schön, dass ihr da ward! =o]

Sonntag, 18. April 2010

Zu Hause ist es doch am schönsten

Über diesen Satz macht man sich lustig, solange man zur Schule geht und lernt ihn zu schätzen, wenn man das Nest verlässt, um für das anstehende Studium in eine andere Stadt zu ziehen. Aber noch mehr zu schätzen lernt man diesen Satz, wenn man sich für ein erlebnisreiches Auslandsjahr nach Skandinavien begibt und nur für besondere und leider auch nur kurze Anlässe wieder nach Hause fliegt. An Ostern war so ein Anlass. Am ersten April nahm ich den Flieger von Göteborg nach Frankfurt Hahn und fuhr von dort aus mit dem Shuttle-Bus bis nach Heidelberg. Aber allein dieser Schritt war schon nicht so selbstverständlich. Denn wir hatten, was eigentlich untypisch ist für Ryanair, eine viertel Stunde Verspätung. Der letzte Shuttle-Bus des Tages sollte um acht Uhr, also eine halbe Stunde nach meiner planmäßigen Ankunft, den Flughafen verlassen. Nun hatten wir fünfzehn Minuten Verspätung. Ich machte mir natürlich sofort Sorgen wegen des Busses, aber ich dachte mir, dass er sicher warten würde, da er ja einzig und allein für die Flugpassagiere angelegt ist. Ich beeilte mich, mein Gepäck vom Band zu holen und hatte das Glück, dass mein Rucksack gleich am Anfang mit dabei war. Das Gebäude verlassend stellte ich fest, dass der Bus nicht direkt vor dem Eingang abfuhr sondern dreihundert Meter weiter auf einem extra Parkplatz. Eiligen Schrittes lief ich dort hin und konnte gerade noch so in den Bus springen, als dieser bereits den Motor anließ und nach mir die Türen verschloss und den Parkplatz verließ. Im Bus saßen vielleicht 15 Personen. Der Bus wartet auf die Fluggäste? Weit gefehlt. Will garnicht wissen, wieviele Leute an diesem Abend schauen mussten, anderweitig nach Hause zu kommen. Denn einen Bahnhof gibt's ja in Hahn auch nicht. Warum solche Busse nicht warten, ist mir wirklich nicht klar. Zum Glück erwischte ich ihn und in Heidelberg wurde ich von meinem Vater abgeholt.
Es folgte eine wunderschöne Woche bei meiner Familie, inklusive dem 80. Geburtstag meiner Großmutter. "Freie" Tage wurden zum Spazierengehen, Tischtennisspielen, Bowlen, Schischa-rauchend und Havana-Cola trinkend in der Sonne Chillen u.v.m. genutzt. Ich genoss die Woche in vollen Zügen und als sich meine Rückreise näherte, wurde ich fast traurig. Am liebsten wäre ich einfach zu Hause geblieben, die Frühlingsstimmung hatte mich gepackt. Ich schaute im Internet nach dem Wetter in Göteborg: 7 Grad bei Wolken und Regen. Na super. Aber es half alles nichts, ich packte meine Siebensachen und machte mich auf den Weg zurück in den Norden.
Dort angekommen, hatte mich der Alltag schnell wieder eingeholt. In selbiger Woche folgten noch ein Tag auf der Kinderstation, die im Allgemeinen sehr stressfrei war. Ich nutzte viel Zeit zum Stöbern im Internet nach Ursachen von Fieber unklarer Genese, denn so eine Patientin lag auf der Station und der behandelnde Arzt, ein Deutscher, schien genauso planlos wie ich. Also surften wir nach den exotischsten Krankheitsbildern und philosophierten über Krankheiten wie Bruzellose, Leptospirose, Rattenbissfieber... - Krankheiten, die man beim Lernen auf Klausuren eigentlich weglässt, da sie eh so selten sind, dass man sie vermutlich nie zu Gesicht bekommen wird. Am Nachmittag wurde das kleine, 4-monatige Mädchen noch einer Lumbalpunktion unterzogen, bei welcher durch eine Punktion des Spinalkanals Liquor entnommen wird. Leider traf der Arzt nicht gleich beim ersten Mal und so musste er zwei Mal stechen. Armes Mädchen. Aber ich habe diese Untersuchung noch nie zuvor gesehen und war deshalb sehr interessiert bei der Sache.
Diese Woche galt dann der Radiologie, ein kleiner Exkurs, etwas fort von den Kindern. Die Vormittage bestanden aus Vorlesungen und Nachmittags durften wir dann in Kleingruppen selber ran: anhand einer kurzen Anamnese scrollten wir uns durch CTs, MRTs und schauten uns Röntgenbilder, Urographien u.v.m. an und versuchten die Ursache für das Leiden der Patienten zu finden. Dieses Detektivspielen machte mir eigentlich richtig viel Spaß und Anatomie hat mir ja auch schon immer gut gefallen. Bei der Nachbesprechung war man dann stolz wie Oskar, wenn man den/die/das verantwortlichen Tumor, Stein, Aneurysma, Ruptur u.a. gefunden hatte. Öfter befanden wir uns aber auch auf total falschem Weg und mussten frustriert feststellen, dass es sich bei unserer als unbedenklich zu bewertender Daromstomie um einen Bruch handelte. Nunja. Sind ja auch noch nicht so geübt im befunden ;) Aber generell hat mir die Woche ganz gut gefallen. Manchmal waren jedoch leider die "Kleingruppen" zu groß, der Lerneffekt dann entsprechend gering. Aber hin und wieder durften wir in Zweiergruppen arbeiten und das war dann wirklich lustig. Die Radiologie-Woche wurde dann mit einer mündlichen Prüfung am Freitag-Nachmittag abgeschlossen. Ich wurde zusammen mit Corinna (aus Berlin) und Brigitta (von hier) beim Cheffe persönlich geprüft. Eigentlich machte ich mir voll keinen Stress. Die Prüfung wurde auch im Voraus als (ich zitiere den Chef): "Nettes kleines Gespräch. Zumindest für uns", angekündigt und bisher waren die mündlichen Prüfungen ja immer ganz gut machbar. Außerdem war den Prüfern klar, dass wir in dieser Woche nicht groß Lernzeit hatten und so erhoffte ich mir wirklich ein entspanntes Gespräch. Pustekuchen. Wurde gleich mal bei der ersten Frage voll erwischt mit einem Thema, das ich einfach nicht konnte. Super Start. Generell lief es so, dass ihm bei jeder Antwort, die er auf eine Frage erhielt, wieder ein neues Stichwort für eine weitere noch mehr vertiefende Frage einfiel. Und so brachte er uns drei ganz schön ins Schwitzen. Er ist eigentlich auf Uro-Radiologie spezialisiert und so hatte ich mir dieses Thema besonders gut angeschaut. Aber zu diesem Thema kam dann keine einzige Frage dran. Jedem wurde auch ein Röntgenbild gezeigt. Zu meinem Pech: Lungen-Röntgen, was ich überhaupt nicht kann. Hatte aber Glück im Unglück und erriet richtig, dass es sich bei meinem Bild um Herzversagen handelte. Aber das Unglück war damit nicht beendet, denn dann, als ich mich gerade über mein Glück, richtig geraten zu haben, freute, kam die Frage: "Wie behandelt man das denn?" Tja. Gute Frage. Die Antwort wüsste ich vielleicht, wenn ich Kardiologie schon hatte. Hatte ich aber nicht. Überlegte dann nen Moment, ob ich einfach schon wieder sagen sollte: "weiß ich nicht", oder ob ichs mit: "Den Kurs hatte ich leider noch nicht (und kann's deshalb garnicht wissen)" versuchen sollte. Ich entschied mich für zweiteres und es traf auf Verständnis. Allerdings fiel es mir dann trotzdem ein, als meine Mitprüferin auch nicht darauf antworten konnte und sammelte ausnahmsweise mal nen kleinen Extrapunkt. Insgesamt lief die Prüfung nicht wirklich gut, aber es reichte trotzdem (wie eigentlich immer hier). Wir waren (wie immer) alle "duktiga" und verließen "godkända" (bestanden) nach einer Stunde Schwitzen den Raum. Uff.
Nächste Woche bin ich in der Kinderchirurgie eingeteilt. Habe gehört, dass da vormittags hauptsächlich Seminare laufen und man sich nachmittags selbst aussuchen kann, wo man mitläuft. Bin mal gespannt, wie das wird. Generell ist ja Chirurgie immer erstmal grundsätzlich toll.
Insgesamt sind es nur noch vier Wochen Pädiatrie, am 20. Mai habe ich dann Abschlussprüfung. Und dann heißt es noch ungefähr 2-3 Wochen chillen, Leute treffen, Umgebung erkunden, Wetter genießen, rumreisen und vieles, vieles mehr. In der zweiten Juniwoche geht's dann endgültig zurück nach Deutschland. Freue mich schon total auf den Sommer zu Hause! Das Frühlingswetter ist solangsam auch in Göteborg angekommen mit strahlendem Sonnenschein, 15-20 Grad in der Sonne aber leider noch eiskaltem Wind. Trotzdem freue ich mich darüber und hoffe, dass es noch etwas sommerlicher wird bis ich wieder nach Hause reise.
Entspannte Sonntagsgrüße in die Heimat,
Lena =o]

Mittwoch, 31. März 2010

Von Husten, Schnupfen, Fieber und Bauchschmerzen

Nun habe ich schon beinahe meine ersten zwei klinischen Wochen in der Pädiatrie hinter mir. Gleich in der ersten Woche wurde ich "utlokaliserad", also ausgegliedert (?) in das Krankenhaus in Borås. Ist eigentlich immer ganz spannend, auch andere Krankenhäuser kennen zu lernen und ein paar Tage in deren Abläufe hineinzuschnuppern. Kleiner Nachteil: ich musste jeden Tag um 5:20 aufstehen, um gegen viertel nach sechs den Bus zum Hauptbahnhof zu nehmen, wo dann gegen viertel vor sieben der Bus nach Borås startete. Eine gute Stunde später kam ich dann dort an. Dieses frühe Aufstehen schlauchte doch ganzschön und ich kam wieder ins Grübeln, wie ich das nur bei meiner ersten Famulatur geschaffte hatte, jeden Tag um halb fünf aufzustehen. Und vor allem: wie werde ich das im Sommer schaffen, wenn ich wieder zwei Monate in gleichem Krankenhaus famulieren werde? Uff. Lieber nicht drüber nachdenken und zurück zu Borås. Hierbei handelte es sich um ein recht übersichtliches Krankenhaus mit einem sehr netten Team. Es wimmelte nur so von ausländischen Mitarbeitern, hauptsächlich Griechen und Deutschen. Am ersten Morgen wurden ich und mein Mitreisender Claes von der Sekretärin nett begrüßt und uns wurden Schlüssel ausgehändigt und der Weg zur Umkleide gezeigt. Um kurz nach acht begann dann die "morgonmöte" (Morgenbesprechung). Auch hier wurden wir von allen Ärzten sehr nett begrüßt. Am Vormittag begleiteten wir dann zwei Ärztinnen bei ihrer "rond" (Visite) auf Station. Ich war auf der Infektionen-Seite und Claes auf der Seite, auf der hauptsächlich Kinder mit Tumoren unterschiedlichster Art lagen. Diese Visite war ganz interessant und ich hatte eine nette "handledare". Allerdings war das Patientenspektrum meist sehr ähnlich. Die meisten Kinder hatten sich mit dem RS-Virus infiziert und hatten dadurch obstruktive Beschwerden der Atemwege. Die Kinder werden aufgenommen, bekommen immer wieder Inhalationen und wenn es ihnen besser geht, werden sie wieder heimgeschickt. So kam ich aber immerhin ein wenig zum Abhören, wovon ich ja bisher noch nicht wirklich Ahnung habe. Ist allerdings bei Kindern oft erschwert, wenn diese nicht so Lust darauf haben, abgehört zu werden und das Zimmer zusammenbrüllen. Dann ist es wirklich schwer, überhaupt etwas zu hören. Nachmittags war ich dann in der "akutmottagning", also in der Ambulanz. Auch dort war das Patientenspektrum ähnlich dem auf Station. Husten, Schnupfen und Fieber. Fast alle bekamen die gleiche Diagnose und wurden zur Inhalation geschickt. Joa. Also leider auch nicht so wahnsinnig spannend. Bin dann auch so gegen halb vier gegangen und war trotzdem abends, als ich endlich zu Hause war, so platt, dass ich total unmotiviert war, noch bisschen was nachzulesen.
Dienstags war ich dann bei der Visite auf der Tumor-Seite dabei. Hier sah ich unter anderem einen kleinen Jungen mit Leukämie und einen etwas älteren Jungen mit Osteosarkom (Knochentumor). Zweiterer hatte vor kurzem eine große Operation über sich ergehen lassen, bei welcher die komplette linke Beckenschaufel, ein großer Teil des Oberschenkelknochens und die Fibula entfernt wurden. Der Junge war total mager und hatte durch die begleitende Chemotherapie keine Haare mehr auf dem Kopf. Aber ich war hin und weg von der Ausstrahlung des Jungen, die durchweg positiv und fröhlich war. Ich fand das sehr beeindruckend. Außerdem sah ich ein kleines Neugeborenen-Zwillingspärchen, zwei Mädchen, von denen eines im Mutterleib im Wachstum gehemmt worden war und das nun gerade mal halb so groß war wie seine Schwester. Wenn man dieses kleine Kind sieht, dann erscheint einem das normalgroße Mädchen richtig riesig, obwohl es auch gerade mal einen halben Meter misst. Aber beiden ging es trotzdem recht gut. Mittags war ich dann in der "mottagning" (Sprechstunde) und sah dort Patienten mit Asthma, Coeliakie (Glutenunverträglichkeit), einen kleinen Patienten mit Verdacht auf Krampfanfälle und ein jugendliches Mädchen mit chronischen Bauchschmerzen. Dieser Nachmittag war ganz interessant, weil man mal andere Krankheitsbilder zu Gesicht bekam. Während die Ärztin zwischendrin die Patientenberichte diktierte, las ich dann immer die entsprechenden Krankheitsbilder noch einmal im Buch nach. Damit auch etwas hängen bleibt von dem was ich sehe und höre =).
Mittwochs war ich dann morgens auf der Neugeborenenstation und war bei der Erstuntersuchung der Kleinen dabei. Hierbei werden Herz und Lunge abgehorcht, die Kinder werden inspiziert, ob alles "normal" aussieht und alles vorhanden ist was vorhanden sein soll, es werden Reflexe überprüft wie z.B. Moro-Reflex, Schreit-Reflex, Klammer-Reflex..., man leuchtet in die Augen um zu prüfen, dass kein Catarakt (grauer Star) vorhanden ist und schaut ob die Kinder unter einem Neugeborenen-Ikterus (Gelbsucht) leiden und wenn ja ob man denkt dass es sich um einen ungefährlichen Typ handelt, der nach ein paar Tagen wieder von selbst verschwinden oder ob man ein paar Proben nehmen will um nach einer Ursache zu fahnden. Außerdem werden Pulse getastet, bei Jungs wird geschaut, ob die Testikel an ihrem Platz sitzen und man untersucht die Stabilität der Hüfte und ob hier eine Luxationstendenz vorhanden ist. Diese Untersuchungen waren sehr interessant und ich durfte auch selbst ein wenig ran. Lustigerweise waren es fünf Jungs und kein einziges kleines Mädchen. Um halb elf waren wir allerdings schon fertig und so nutzte ich die verlängerte Mittagspause zum Nachlesen in meinem Buch. Mittags wäre ich eigentlich für die "Dagvård" eingeteilt gewesen, wo ambulante Untersuchungen/Behandlungen wie z.B. Chemotherapie, Metallentfernungen, Darmbiopsieentnahmen usw. durchgeführt werden. Ich erfuhr allerdings, dass da an diesem Mittag nichts laufen würde und so hängte ich mich einer deutschen Ärztin an, Rebecka. Diese war total nett und da sie nicht so viel zu tun hatte, quatschten wir total lange über Deutschland und Schweden und Auswandern und die unterschiedlichen Gesundheitssysteme und das Schulsystem. Das war wirklich sehr spannend und bisher hatte ich noch kein so ausführliches Gespräch mit Ausgewanderten über dieses Thema. So gingen ruckzuck zwei Stunden rum. Danach ging ich nochmal in die Ambulanz und war bei ein paar Patienten dabei, die mal wieder die üblichen Beschwerden hatten und gegen kurz vor vier ging ich nach Hause.
Am Donnerstag hatten wir nur noch vormittags Programm und ich entschied mich, nun zur "dagvård" zu gehen, da dort ganz interessante Sachen anstanden. So z.B. ein kleines Mädchen, bei welchem ein Verdacht auf Coeliakie bestand. Sie kam zur Darmschleimhaut-Biopsie, welche ohne Narkose gemacht wurde. Das sah so aus, dass dem Mädchen eine Kapsel, welche an einem langen Draht befestigt ist, durch den Mund, den Rachen, die Speiseröhre, durch den Magen bis in den Dünndarm vorgeschoben wurde. Was natürlich nicht wirklich angenehm war für das Mädchen. Dann bestand außerdem das Problem, dass sich der Schließmuskel zwischen Magen und Dünndarm, der Pylorus, nicht öffnen wollte. Um diesen zu stimulieren, begannen Mutter und Arzt über Essen zu sprechen (das Mädchen war seit dem vorangegangenen Abend nüchtern) und das Mädchen bekam einen Lutscher. Dadurch wurde der Verdaungstrakt stimuliert und der Pylorus öffnete sich so viel, dass man die Kapsel das letzte Stück vorschieben konnte. Die Lage der Kapsel wurde ständig durch Röntgen-Durchleuchtung überprüft und als sie endlich an der richtigen Stelle saß wurde in der Kapsel ein Vakuum erzeugt, dadurch wurde etwas Schleimhaut in die Kapsel gesogen und abgeschnitten. Das ist für das Kind nicht schmerzhaft. Danach wurde der Draht endlich wieder rausgezogen und mit dem Mikroskop wurde überprüft, ob es sich auch wirklich um Dünndarmschleimhaut und nicht etwa doch um Magenschleimhaut handelte. In zweitem Falle hätte man nämlich die ganze Prozedur noch einmal machen müssen. Aber glücklicherweise hatte alles funktioniert und die Biopsie wurde zur Kontrolle in die Pathologie geschickt.
Außerdem sah ich dann bei zwei Kindern eine Metallentfernung nach Frakturen an Finger bzw. Mittelhand. Das Erstaunliche dabei war, dass die Entfernung komplett ohne Lokalanästhetika gemacht wurde. Die Kinder wurden "lediglich" mit Lachgas betüttelt. In Deutschland habe ich sowas noch nicht gesehen, muss mal im Sommer nachfragen, ob das lediglich eine schwedische Methode ist. Es funktionierte aber erstaunlich gut.
Damit beendete ich auch meinen vierten Tag in Borås und nachdem ich meinen Schlüssel wieder abgegeben hatte machte ich mich auf den Nachhauseweg. Der Freitag bestand dann aus Vorlesungen und Gruppenseminar.
Diese Woche war ich in der Ambulanz eingeteilt. Am Montag hatte ich von 8 Uhr bis 16 Uhr Dienst und ich hatte ehrlichgesagt etwas Schiss im Voraus, da es hieß, dass wir eigene Patienten haben würden und selbstständig arbeiten sollten. Da ich erstens in der zweiten Woche Pädiatrie noch nicht wirklich nen Überblick über die unterschiedlichen Krankheiten habe und zweitens was Untersuchung bei Kindern angeht noch sehr unbeholfen bin, war ich doch sehr verunsichert. Ich bekam auch gleich zu Beginn einen Patienten zugeteilt. Es half alles nichts. Zuerst schaute ich im Computer nach, ob das Kind schon öfter im Krankenhaus gewesen war und wenn ja warum. Danach schaute ich, weshalb das Kind heute da war - Bauchschmerzen - und überlegte mir, welche Fragen ich dem Kind/den Eltern stellen würde. Und dann machte ich mich auf zum Untersuchungsraum. Der fünfjährige Junge war mit seinem Vater da und der Vater erzählte, dass Omar nachts wegen Bauchschmerzen aufgewacht sei und dann nicht mehr richtig schlafen könne. Er habe auch über Kopfschmerzen geklagt. Und da er sich eigentlich fast nie beschwere, wenn es ihm nicht so gut ginge, hielt er es für eine gute Idee, ins Krankenhaus zu kommen, um eine Blinddarmentzündung auszuschließen. Der Junge machte überhaupt keinen kranken Eindruck und grinste mich die ganze Zeit fröhlich an. Für die Untersuchung sprang er ohne zu Meckern auf die Untersuchungsliege und er machte es mir total leicht, ihn zu untersuchen. Der Bauch war total weich und er sagte nur, dass es auf der rechten Seite ein wenig weh tue, wenn ich drücke. Aber er reagierte eigentlich garnicht. Er hatte auch kein Fieber und er meinte auch selbst, es ginge ihm wieder besser. Auch Herz und Lungen hörten sich gut an und es waren keine Lymphknoten tastbar. Der Arzt kam dann auch dazu, ich berichtete ihm von dem Patienten und auch er war der Meinung, dass der Junge beruhigt wieder nach Hause gehen könne. Die Diagnose: "buksmärta UNS (utan närmare specification)", also Bauchschmerzen, von denen man die Ursache nicht weiß ;). Super. Diktierte dann auch den Patientenbrief und war doch etwas erleichtert, dass ich so einen einfachen Patienten abbekommen hatte. Die nächste Zeit bin ich dann etwas mitgelaufen und habe ein bisschen Erkältung gesehen und aber auch ein somalisches Mädchen mit Krampfanfällen. Sie wurde dann auf Station eingewiesen zur weiteren Überwachung und für ein akutes EEG. Deshalb habe ich leider nicht mehr davon mitbekommen.
Sehr spannend war aber auch eine akute Einweisung einer Patientin, die mit dem Krankenwagen gebraucht wurde. Ein 17jähriges Mädchen mit bekannter MS (Multipler Sklerose), die seit vielen Minuten einen Krampfanfall hatte und seitdem nicht mehr zu sich kam. Ich folgte dem Arzt mit in den Schockraum und alle bereiteten sich auf die Ankunft vor. Ein Krankenpfleger war für das Protokoll zuständig. Außerdem kam ein Anästhesist + Pfleger. Dann eben der Pädiater und zwei weitere Krankenschwestern. Die Patientin wurde reingefahren und die Sanitäter berichteten die wichtigsten Fakten. Dann übernahm der Pädiater. Wir haben ja im letzten Semester gelernt, wie in Trauma-Situationen vorgegangen wird. Man orientiert sich anhand der ABCDE-Regel: A=Airways -> hat der Patient freie Luftwege, atmet er selbstständig, muss er bei dem Freihalten der Luftwege unterstützt oder evtl. sogar intubiert werden? B=Breathing -> wie atmet der Patient, wie hören sich die Lungen an. Besteht vielleicht ein Pneumothorax o.ä. Man hört auch auf das Herz. C=Circulation -> Wie ist der Blutdruck, wie hoch ist der Puls und sind die unterschiedlichen Pulse überall tastbar, wie ist die periphere Sauerstoffsättigung, ist der Patient zyanotisch usw. D=Disability -> man macht einen neurologischen Status. Ist der Patient wach oder nicht ansprechbar, sind Reflexe vorhanden, reagiert er auf Schmerz, reagieren die Pupillen auf Licht usw. E=Exposure -> man schaut sich den ganzen Patienten an von Kopf bis zu den Zehenspitzen. Dazu wird er natürlich entkleidet und man sucht nach offensichtlichen Verletzungen, natürlich auch auf der Rückseite. Während dieser Untersuchungen, die der leitende Arzt, in diesem Fall der Pädiater durchfährt, werden alle Befunde laut ausgesprochen und von dem Protokollführer schriftlich festgehalten. Die Patientin war weiterhin nicht ansprechbar und hatte immer wieder leichte Krämpfe. Zirkulatorisch war sie aber stabil und auch die Sauerstoffsättigung war gut; keine neurologischen Ausfälle und keine offensichtlichen weiteren Verletzungen. Wir hatten das im letzten Semester ja auch selbst bei dem Trauma-Training an Puppen etwas geübt und theoretisch hatte ich das ABCDE-Schema noch im Kopf. Aber das Ganze dann live zu sehen war doch sehr spannend und zu sehen, wie es in Wirklichkeit auch funktioniert. Die Patientin bekam dann einige krampflösenden Medikamente, außerdem wurden Blutproben genommen, um auf bakterielle Infektionen zu prüfen, aber auch auf Intoxikation. Irgendwann wurde sie auch wieder ansprechbar und der Vater war mittlerweile im Krankenhaus angekommen. Sie war dann soweit stabil, dass sie auf Station verlegt werden konnte. Wie ich später erfuhr, waren alle Blutproben unauffällig. Es wurde ein Neurologe hinzugezogen zur weiteren Untersuchung und Behandlung. Das war wirklich sehr spannend. Und ich merke doch immer wieder, dass ich ein großes "Faible" für solche akuten Fälle habe. Bin sehr froh, dass ich da dabei sein durfte.
Später bekam ich noch einmal einen Patienten zugeteilt - einen vier Monate alten Jungen mit Fieber und verschleimten Atemwegen. Hier war die Anamnese und Untersuchung nicht so einfach wie bei meinem ersten Patienten. Das Kind heulte und die Eltern sprachen sehr undeutlich. Diese beiden Tatsachen gemeinsam machten es mir relativ schwer, ein gutes Gespräch zu führen. Auch die Untersuchung war nicht so einfach, weil der Junge keine Lust hatte, untersucht zu werden. Außerdem fühlt man bei der Untersuchung die kritischen Blicke der Eltern im Rücken, was mich doch noch sehr verunsichert. War dann ganz froh, als ich das Zimmer wieder verlassen konnte und hatte nicht groß mehr Information als eine halbe Stunde zuvor, als ich den Zettel in die Hand gedrückt bekam. Nunja. Der Arzt hatte aber nicht direkt Zeit, sich meinen Patienten anzuschauen, denn ein fünfjähriger Junge mit Schrittmacher kam rein, dem es ziemlich schlecht ging. Mit hohem Fieber, starkem Husten und er war sehr schwach. Bei der Auskultation konnte man die Lungen richtig knistern hören und er bekam einen Tropf zur Flüssigkeitssubstitution und wurde ins Röntgen geschickt wegen Verdacht auf Pneumonie. Zwischendrin waren wir dann noch mal bei den Mädchen mit den Krampfanfällen und bis sich der Arzt meinen Patienten anschaute, war es schon vier Uhr. Da bereits die zwei neuen Studenten für die Spätschicht erschienen waren, meinte er, ich könne gerne nach Hause gehen, sonst würde das zu eng werden, er übernimmt meinen Patienten. Darüber war ich auch garnicht mal so traurig ;)
Gestern hatte ich dann den ganzen Tag frei. Und ich genoss einen faulen Tag. Ich traf mich mit Katrin in der Stadt. Es war ein wunderschönes frühlingshaftes Wetter und wir chillten uns in die Sonne, quatschten, beobachteten Leute und schlürften eine Chai-Latte nach der anderen. Eigentlich wollten wir uns nur auf ne halbe Stunde Kaffeetrinken und ne Riesen-Bulle treffen, aber aus der halben Stunde und dem einen Café wurden dann fast fünf Stunden und drei Cafés. Aber das war toll. Nachmittags bereitete ich dann noch ein wenig das Seminar für Donnerstag vor und machte sonst aber den Rest des Tages nicht mehr sehr viel.
Auch heute habe ich, wie ich gestehen muss, länger geschlafen als eigentlich geplant. Immerhin habe ich fleißig Wäsche gewaschen. Von 16-20 Uhr bin ich dann noch mal in der Ambulanz eingeteilt, mal sehen, was es heute so an Patienten geben wird. Morgen haben wir dann nochmal von 10-12 Uhr Seminar, danach noch ne "handläggningsövning", bei der Patientenfälle von Ärzten vorgestellt werden und dann geht es nachmittags in Richtung Flughafen, denn ich fliege über Ostern nach Hause *froihüpf*. Meine Oma hat am Montag ihren 80. Geburtstag und ich freue mich total, meine Familie und auch Tobi wieder zu sehen. So langsam kommt doch immer mehr das Heimweh und man hat das Gefühl, sich auf den Zeitpunkt zu freuen, wieder ganz nach Hause zu reisen. Aber bis dahin is ja noch ne Weile hin. Jetzt erst mal Ostern zu Hause verbringen und die Tage genießen. Mittwochs geht's dann wieder zurück.
Ganz liebe Grüße aus dem leiter heute wieder grauen und verregneten Göteborg,
Lena =o]