Oder alternativ: 6xLeistenhernie. So sieht der OP-Plan für den morgigen Vormittag in den zwei Operationssäle im Strömstader Sjukhus aus. Das heißt: Pétur und ich werden morgen als Leistenhernien-Experten wieder zurück nach Göteborg fahren. Trotzdem freue ich mich. Bin gespannt, ob wir nur zuschauen oder auch (hoffentlich) assistieren dürfen. Was interessant ist: die meisten Leistenhernien werden hier unter Lokalanästhesie operiert. Habe während meiner Famulatur zahlreiche LH-OPs gesehen, aber die wurden alle unter Narkose gemacht. Da bin ich mal gespannt, wie das läuft morgen.Heute in der Chirurgie-Mottagning (Sprechstunde) ging es ziemlich entspanng zu. Ich war mit einem norwegischen Arzt unterwegs, der eigentlich schon pensioniert ist, aber sich noch ein bisschen "extrapengar" verdient und deshalb ein paar Tage in der Woche hier arbeitet. Wie so viele Skandinavier hat auch er Bekannte in Deutschland, hat als Kind einige Zeit in Österreich gelebt und sein Sohn lebte drei Jahre in München - deshalb konnte er auch relativ gut Deutsch und fand es anscheinend eine super Gelegenheit, seine Deutschkenntnisse etwas aufzufrischen. So unterhielten wir uns mal Schwedisch, mal Deutsch - war ne ganz nette Mischung. Generell sind hier alle total nett. Es handelt sich um ein relativ kleines Provinzkrankenhaus, weshalb Studenten wohl auch nicht sehr häufig hier anzutreffen sind. Das Krankenhaus hat trotz seiner Größe ein sehr großes Einzugsgebiet, überwiegend ältere Patienten. Und dementsprechend sah heute auch die Sprechstunde aus: Prostata-Ca, Varizen, Varizen, Naevuskontrolle, Varizen, Leistenhernie, Pilonidalsinus, Varizen, Hämorrhoiden, Leistenhernie, Varizen. Ja. Ich glaub das könnte es ungefähr gewesen sein *g*. Ich war um acht Uhr dort, um halb neun kam glaube ich erst der erste Patient. Generell läuft in Schweden alles ein bisschen stressfreier ab als in Deutschland. Das Stichwort der schwedischen Lebenseinstellung ist: "lagom". Meine Freundin Wiki beschreibt diesen Sachverhalt folgendermaßen:
"Lagom bezeichnet eine in Schweden weit verbreitete Einstellung zu vielen Dingen: Abneigung gegen Extreme, Bevorzugung des gesunden Mittelmaßes. Lagom bedeutet so viel wie "gerade richtig", eben nicht zu viel und nicht zu wenig [...] Beispielsweise würde es in Schweden meist als positiv angesehen, wenn das Wetter im Urlaub lagom warm ist, man auf der Autobahn lagom schnell voran kommt und die Portionen im Restaurant lagom groß sind."
Hier hat man jedoch den Eindruck, dass es sich nicht unbedingt um das genaue Mittelmaß handelt, sondern der Schwerpunkt eher etwas weiter in Richtung "nicht zu viel" tendiert. Alles ist eher gemächlich als stressig. So auch der Umgang mit Patienten. Die Ärzte hier nehmen sich wirklich erstaunlich viel Zeit für Patienten. Was ja eigentlich gut ist. Allerdings gibt es Situationen, in denen ich mir denke: "das hast du jetzt gerade schon zum dritten Mal erklärt" oder "Kaffeeklatsch kannst du doch nachher mit deinen Kollegen in der nächsten Fika (Kaffeepause) führen"... Wobei wir schon wieder bei nem neuen Stichwort wären: Fika, Pause. Gerne von den Professoren in der Uni auch einfach "liten bensträckning" genannt. Eines der Haupthobbies der Schweden. Wie gesagt: die Sprechstunde begann halb neun mit dem ersten Patient. Um zehn Uhr war dann die erste Kaffeepause mit Frühstück. Ging ne gute halbe Stunde. Dann wieder einige wenige Patienten. Zwölf Uhr dann Lunch. Ging eine Stunde. Um eins gings also weiter, um viertel nach zwei hieß es dann: "oh, der nächste Patient kommt erst um drei Uhr. Wir können also ne Fika machen." Oha. Also wieder Pause ;) Der Patient kam aber nicht um drei, sondern erst um zwanzig nach drei. Das war übrigens auch der letzte Patient des Tages *grinz*. Ja ;) Also insgesamt nicht so stressig. Was ich dann aber an der ganzen Sache nicht verstehe: die eeeewig langen Wartelisten, die hier in Schweden für bestimmte Untersuchungen, Arztbesuche und Operationen bestehen. Ein Beispiel: Patient mit Leistenhernie heute. Indikation zur Operation gegeben. Habe dann den Arzt gefragt, wie lange es dauern wird, bis der Patient einen OP-Termin bekommt. Da meinte dieser: "Ach, das kann evtl. ganz schnell gehen." - "Wie schnell?" - "Ein paar Monate." Oder: Ne Frau mit Krampfadern wurde bereits operiert, jetzt haben sich aber neue ausgebildet. Weiteres Vorgehen: sie soll einen Ultraschall gemacht bekommen, den sie aber hier (aus welchen Gründen auch immer) nicht machen können. Sie meinte dann: hoffentlich dauert das nicht so lange, auf den letzten Ultraschalltermin habe ich 1 1/2 Jahre gewartet. Ja! Das ist echt Wahnsinn. Die erste Anlaufstelle für Patienten sind hier in Schweden die "Vårdcentraler", das sind sone Art große Gemeinschaftspraxen, in denen Ärzte verschiedener Fachrichtungen anzutreffen sind. Alles, was dort nicht behandelt oder diagnostiziert werden kann, wird an Krankenhäuser überwiesen. Da warten Patienten dann erst mal ewig auf nen Termin. Dort stellt der Arzt dann fest: wir brauchen ein Sono/CT/MR, also werden die Patienten wieder wo anders hin geschickt - natürlich mit langer Wartezeit. Mit dem Ergebnis kommen sie dann irgendwann wieder zurück und dann wird vielleicht ne OP geplant - wieder mit Wartezeit. Wirklich unglaublich. Genauso läuft das in net "Notaufnahme". Patienten warten da wirklich teilweise stundenlang und dann immer wieder zwischendrin - von Arzt angeschaut, warten, Röntgen, warten, wieder Arzt, Behandlungsvorschlag, wieder warten... Echt nicht schön. Und es heißt, dass hier genauso Ärztemangel herrschen würde wie in Deutschland. Aber ich glaube, wenn die n bisschen effektiver arbeiten würden, könnte man diesem Mangel echt ein ganzes Stück entgegen wirken. Naja...
Der Tag war auf jeden Fall trotzdem interessant. Der Arzt beschwerte sich nur auch selbst ständig über das schwedische Gesundheitssystem. Dass es zwar qualitativ sehr gut sei, es neue gute Behandlungskonzepte gäbe, die Spezialisten zu Genüge vorhanden seien, aber dass die Versorgung nicht optimal zugänglich ist für die Bevölkerung. In Norwegen ist natürlich alles besser ;) Aber er meinte, er verdiene hier als Rentner total viel Geld, deshalb wäre er noch hier. Und er erzählte dann von seinem Haus in Göteborg - direkt am Wasser, das "fantastisch" sei, außerdem hat er auch ein Haus in Norwegen, das näher zu der Strömstader Klinik sei und außerdem hat er noch ein Sommerhaus 60 km von hier entfernt. Ja, nicht schlecht. Aber er meinte dann, wenn ich mal in Skandinavien arbeiten wolle, solle ich nach Norwegen gehen ;)
Eine Patientin kam aus Deutschland, ist aber vor 19 Jahren mit ihrem Mann nach Schweden ausgewandert. Sie hatte eine... so dermaßen schlechte Aussprache, da hat's mir fast die Schuhe ausgezogen. Irgendwie bin ich davon ausgegangen, dass wenn man für längere Zeit in ein Land geht, die Aussprache automatisch auch mit übernimmt. Aber das scheint wohl nicht zwangsweise so zu sein. Das hörte sich so dermaßen deutsch an ;) echt traurig. Hoffe, dass ich mich in nem Jahr nicht so anhöre *grinz*.
Nachmittags war ich dann noch ein bisschen im Städtle unterwegs und stellte fest, dass es hier tagsüber genauso verschlafen ist wie spät abends *g*. Trotzdem ziemlich schön hier, so direkt am Wasser. Allerdings hatten wir nach ner dreiviertel Stunde auch schon gesehen, was es so zu sehen gab ;)
Achja, hab ich schon erzählt, dass wenn ich von der Ambulanz aus aus dem Fenster schaue, ich direkt auf das Wasser blicke? Das ist toll - dunkelblaues Wasser, kleine Bötchen, rote Häuser auf den Inselchen... ich glaube, wenn man von seinem Arbeitsplatz aus sone Aussicht hat, muss sich das einfach positiv auswirken...
Da ich heute Nacht kaum geschlafen habe (schlafe irgendwie in meiner ersten Nacht an einem neuen Ort immer total schlecht), werde ich wohl heute nicht so spät ins Bett gehen. Bin ziemlich müde.
Bis morgen oder so =) *winx*
Lena

2 Kommentare:
"Lagom" ... hm ... heißt in badisch wohl "basst scho" ... oder ..:-)
hm.... joa naja ;) eher: genau richtig.
Kommentar veröffentlichen